Reporterin

Re­por­te­rin tes­tet: Durch Span­dau mit dem Fahr­si­mu­la­tor

Re­por­te­rin tes­tet: Durch Span­dau mit dem Fahr­si­mu­la­tor

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(Ber­lin, 01. Ju­ni 2019) Ein­mal ver­ges­sen, zum rich­ti­gen Zeit­punkt in den rich­ti­gen der sechs Lkw-Spiegel zu schau­en. Das kann schon aus­rei­chen, um ei­nen Rad­fah­rer zu über­se­hen und im schlimms­ten Fall beim Ab­bie­gen zu über­fah­ren. Als Au­to­fah­rer ist man sich die­ser Ge­fahr kaum be­wusst, hier reicht ein Blick durch das Sei­ten­fens­ter, um ei­nen Fahr­rad­fah­rer zu se­hen, der an ei­ner Kreu­zung di­rekt ne­ben dem Wa­gen ge­hal­ten hat. Im Lkw ist das auf­grund der Hö­he an­ders.

Doch der Blick in den Spie­gel er­folgt längst nicht im­mer. „Je äl­ter ein Fah­rer ist, des­to we­ni­ger guckt er in den Spie­gel“, sagt Klaus Hal­ler, Ge­schäfts­füh­rer des Span­dau­er Un­ter­neh­mens Si­fat Road Safe­ty. Die Fir­ma stellt Si­mu­la­to­ren her, mit de­nen Fah­rer in Ver­kehrs­si­cher­heit und Ef­fi­zi­enz ge­schult wer­den und die für die Ge­fah­ren – vor al­lem beim Ab­bie­gen – sen­si­bi­li­sie­ren sol­len.

1553 Rad­fah­rer bei Ab­bie­ge­un­fäl­len ver­letzt

 Wie re­al die Ge­fahr ist, zei­gen Zah­len der Po­li­zei Ber­lin. Al­lein im Vor­jahr wur­den in Ber­lin bei Ab­bie­ge­un­fäl­len 1553 Rad­fah­rer ver­letzt und vier ge­tö­tet. Ei­ner da­von: Ein acht­jäh­ri­ger Jun­ge, der in Span­dau von ei­nem Lkw er­fasst wur­de. Kind und Lkw-Fahrer ka­men bei­de aus der Naue­ner Stra­ße, der Lkw bog an der Kreu­zung zum Bruns­büt­te­ler Damm nach rechts ab – und über­sah den ge­ra­de­aus fah­ren­den Jun­gen. Die Ver­let­zun­gen wa­ren so schwer, dass der Acht­jäh­ri­ge noch am Un­fall­ort starb. An der Kreu­zung steht heu­te ein klei­nes, wei­ßes Fahr­rad, Ker­zen und Blu­men er­in­nern an das Un­glück. Der Ort ist nur knapp vier Ki­lo­me­ter vom Fir­men­ge­län­de der Si­fat Road Safe­ty GmbH ent­fernt. Je­den Tag auf dem Weg zur Ar­beit, sagt Hal­ler, kom­me er dar­an vor­bei.

Schule2

Si­mu­la­tor mit 180 Grad Sicht­feld und Be­we­gun­gen

 In den mo­bi­len Si­mu­la­to­ren kön­nen Lkw-Fahrer vir­tu­el­le Test­fahr­ten un­ter­neh­men. Die Si­mu­la­tor­ka­bi­ne ist ei­ne ori­gi­na­le Fahrer-Kabine ei­nes gän­gi­gen Lkw-Modells. Brem­se, Schal­tung, Lenk­rad – al­les soll so funk­tio­nie­ren, wie es das im All­tag der Fah­rer tut. Selbst Be­we­gun­gen und Er­schüt­te­run­gen sol­len mög­lichst au­then­tisch spür­bar wer­den. Die Si­mu­la­ti­on wird über ei­nen Bea­mer auf ei­ne Lein­wand pro­ji­ziert, laut Un­ter­neh­men be­trägt das Sicht­feld 180 Grad. Wäh­rend der Fahrt sitzt ein Trai­ner im an­gren­zen­den Ope­ra­tor­raum, schaut mit und gibt, wenn nö­tig An­wei­sun­gen. Un­ter­neh­men kön­nen die Si­mu­la­to­ren kau­fen oder für Schu­lun­gen mie­ten.

Ich selbst ha­be kei­nen Lkw-Führerschein, will den Si­mu­la­tor aber trotz­dem tes­ten. Ei­ne kur­ze Ein­ge­wöh­nungs­zeit be­kom­me ich, wäh­rend der es ei­ne ru­hi­ge Lan­des­stra­ße ent­lang geht. Sanft len­ken, brem­sen, an­fah­ren – als das halb­wegs sitzt, geht es in die vir­tu­el­le Stadt. Hier kom­men nun die tat­säch­li­chen Her­aus­for­de­run­gen: durch schma­le Stra­ßen steu­ern, auf den Ver­kehr ach­ten, vor ei­nem bei Rot ge­hen­den Fuß­gän­ger stop­pen und na­tür­lich kommt auch die Si­tua­ti­on, in der ich rechts ab­bie­gen muss und ein Fahr­rad­fah­rer ne­ben mir steht. Ich schaue zur rich­ti­gen Zeit in den rich­ti­gen Spie­gel – und las­se den vir­tu­el­len Rad­fah­rer so am Le­ben. Trotz­dem wird deut­lich, wie viel Auf­merk­sam­keit er­for­der­lich ist. Ich spü­re die An­span­nung und Ner­vo­si­tät, ob­wohl ich nur in ei­nem Si­mu­la­tor sit­ze. Aber ich ha­be ei­nen kla­ren Vor­teil: Mei­ne Test­fahrt dau­ert we­ni­ge Mi­nu­ten, Lkw-Fahrer sind Stun­den un­ter­wegs. Und noch et­was wird mir klar, wor­über ich mir vor­her nie Ge­dan­ken ge­macht ha­be: Mit den sechs Spie­geln klar­zu­kom­men, ist al­les an­de­re als leicht.

Trainer Mueller

Vie­le Fah­rer sind mit sechs Spie­geln über­for­dert

 Das geht an­schei­nend nicht nur mir, son­dern auch den Be­rufs­kraft­fah­rern so. „Es ist deut­lich ge­wor­den, dass ein ho­her An­teil von Fah­rern mit den sechs Spie­geln über­for­dert ist“, sagt Hal­ler. Zu­sätz­lich zu den bei­den Haupt-Außenspiegeln gibt es an Lkw zwei Weitwinkel-Spiegel, ei­nen Front-Spiegel, der zeigt, was di­rekt vor dem Fahr­zeug pas­siert und ei­nen Ram­pen­spie­gel. Letz­te­rer ist es, der den Blick auf die Stra­ße rechts ne­ben dem Lkw er­mög­licht.

Bei der Test­fahrt im Si­mu­la­tor wer­den in kur­zer Zeit ge­zielt meh­re­re, un­ter­schied­li­che Ge­fah­ren­si­tua­tio­nen ein­ge­spielt, mehr als es wohl auf der All­tags­fahrt in der Stadt gibt. Das wirkt sich auch auf das Er­geb­nis vie­ler Test­fah­rer aus. „Im Durch­schnitt gibt es auf der zwei­ten Fahrt ei­ne Kol­li­si­on“, sagt Hal­ler. „Die Ra­te ist hoch.“ An­schlie­ßend gibt es die Mög­lich­keit, die auf­ge­zeich­ne­ten Fahr­ten ab­zu­spie­len, um ge­nau zu se­hen, wo Feh­ler ge­macht wur­den – und auch den Punkt zu zei­gen, wo sich ein Rad­fah­rer im to­ten Win­kel be­fin­det und durch kei­nen der Spie­gel sicht­bar ist. Das, sagt das Un­ter­neh­men, soll den Lern­ef­fekt zu­sätz­lich er­hö­hen.

Ar­ti­kel aus der Ber­li­ner Mor­gen­post

Re­por­te­rin Jes­si­ca Ha­nack tes­tet im Si­mu­la­tor,
wie es ist, ei­nen LKW durch den
Stadt­ver­kehr zu steu­ern.

FO­TO: Mau­ri­zio Gambarni/ Fun­ke Fo­to­Ser­vices